Nach dem Heer fällt den Jungs das Leben schwer
Grazer Soziologe diagnostiziert: In den Wochen nach dem Grundwehrdienst sind junge Männer besonders gefährdet – sie neigen zu Raserei, Gewalt und sogar zu Selbstmord!

Daumen hoch! Nicht alle sind mit dem Waffen-Umgang bei jungen Rekruten zufrieden. (Foto: Österreichisches Bundesheer)
Die Lebenserwartung bei Männern ist deutlich geringer als bei Frauen. Das ist nichts Neues. Den Grund dafür sieht der Grazer Soziologe Christian Scharinger, Autor der jüngsten steirischen Jugendstudie, aber in einem völlig neuen Licht: „In der Altersgruppe zwischen 16 und 20 Jahren liegt die Mortalität durch Verkehrs- und Freizeitunfälle bei Burschen dreimal höher als bei Mädchen. Jungs begehen in dieser Lebensphase auch weitaus häufiger Selbstmord als Frauen. Die Altersgruppe der Männer, die jung sterben, senkt daher die durchschnittliche Lebenserwartung der Herren insgesamt sehr deutlich.“
Besonders alarmierend sind für den Experten aber die rund zwei Monate nach dem Grundwehrdienst: „Unseren Beobachtungen zufolge häuft sich die Anzahl der Toten durch Verkehrsunfälle und Suizide sowie der Missbrauch von Drogen und Alkohol während und nach dem Bundesheer dramatisch.“
Auch Christian Ehetreiber von der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus sieht den Wehrdienst als möglichen Grund für erhöhte Gewaltbereitschaft: „Jede Aktivität mit der Waffe schürt Aggressionen. Mit dem Heer beginnt außerdem für viele eine neue Phase – die jungen Burschen werden aus dem bisherigen Lebensumfeld herausgerissen. Wichtig wäre es in dieser Zeitspanne, sich Sport- oder Musikvereinen anzuschließen, um zumindest hier ein konstantes Umfeld zu behalten.“ Kritisch sieht den Umgang mit der Waffe auch Kinder- und Jugendanwalt Christian Theiss (siehe unten).
Heeres-Prävention
Oberst Michael Bauer, Sprecher von Verteidigungsminister Norbert Darabos, kann der Kritik aber nichts abgewinnen: „Um zu wissen, dass sich Männer in diesem Alter in einer besonderen Risikogruppe befinden, hätte es keiner Studie bedurft.“ Das Bundesheer sei sich seiner Verantwortung jedenfalls bewusst und will diesem Umstand auch Genüge tun: „Mit Sport als positive Auswirkung auf die Psyche, Suchtprävention oder etwa Schulungen zu ,Wie erkenne ich Suizidgefährdung‘, die zur Grundausbildung gehören.“
Mittlerweile sind Jugendliche auch vermehrt gegenüber Gleichaltrigen gewalttätig – die Zahl jener, die Opfer von Gewalt wurden, ist in den letzten zwei Jahren um 1,5 Prozent gestiegen.
Das sagen die Experten:
- Christian Ehetreiber, Boss der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus:
„Jede Aktivität mit Waffen schürt das Aggressionspotenzial –egal ob sie auf Angriff oder Verteidigung ausgerichtet ist“, erklärt Christian Ehetreiber, Chef der „ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus“, und will sich selbst dennoch nicht als Bundesheer-Gegner sehen. Das Streben nach Status, Macht und Prestige sind laut Ehetreiber die Ursachen für die hohe Gewaltbereitschaft und die Neigung zur Eigenverletzung bei jungen Männern. Ein weiterer Grund sei die Umstellung auf einen neuen Lebensabschnitt: „Oftmals ändert sich damit das ganze Umfeld.“
- Elisabeth Grossmann, SP-Jugendlandesrätin:
„Ich empfinde es als interessantes Phänomen, dass Jugendliche rund um den Grundwehrdienst zu einer Gewalt-Risikogruppe werden“, sagt Landesrätin Elisabeth Grossmann. Ihr selbst sei das bis dato nicht bewusst gewesen: „Daher ist es wichtig, dass wir bei den Menschen, vor allem aber bei jungen Männern, Bewusstsein dafür schaffen, was zu Gewalt führen kann. Dieses Thema wird sicherlich in die künftigen Überlegungen der Jugendpolitik mit einfließen müssen. Jungendliche sollen unterstützt werden und auch einander unterstützen.“
- Christian Theiss, Kinder- und Jugendanwalt sowie Psychologe:
„Österreich hat eine hohe Suizidrate bei jungen Männern“, weiß Christian Theiss, Psychologe und Kinder- und Jugendanwalt der Steiermark. Das kann auch am Umgang mit Waffen beim Heer liegen: „Junge Männer tendieren zudem generell dazu, vieles auszuprobieren. Das kann mit einer relativ simplen Geschwindigkeitsüberschreitung im Straßenverkehr beginnen, geht über Sachbeschädigung bei einer Parkbank und endet womöglich in brutalen Schlägereien oder gar in Gewalt gegen sich selbst! Wichtig ist, dass Gewaltopfern in jedem Fall geholfen wird.“
Die Gewalt bei Jugendlichen in Zahlen:
- 29,7 Prozent der Jugendlichen zwischen 13 und 20 Jahren wurden in den letzten 12 Monaten zumindest einmal Opfer von Gewalt durch andere Kids.
- 43,1 Prozent der männlichen Jugendlichen haben im letzten Jahr eine Schlägerei provoziert. 51,9 Prozent der Burschen waren mindestens einmal aktiv an einer Schlägerei beteiligt.
- Im Vergleich zu 2007 ist die Zahl der Jugendlichen, die mindestens einmal Opfer von Gewalt wurden, um 1,5 Prozent gestiegen.
- 35,3 Prozent der Kids mit nicht deutscher Muttersprache wurden in den letzten 12 Monaten mindestens einmal Opfer von Gewalt. Bei Kindern mit deutscher Muttersprache sind es „nur“ 10,9 Prozent.
(Quelle: steirische Jugendstudie 2009)
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