Dem Fußball fehlen heute Herz und Seele
Interviews gibt er kaum noch. Doch mit uns sprach Ivan Osim über seine Genesung, den Wettskandal und Sturm.

Es war letzten Sonntag am frühen Nachmittag, als wir, wie mit Ehefrau Asima vereinbart, bei Ivan Osim in Sarajewo anriefen. Asima bat um ein wenig Geduld: „Ivan ist gerade vom Mittagsschläfchen aufgewacht.“ Sie erzählte ein wenig von ihren Kindern, um die Zeit zu überbrücken. Dann war er am Telefon. Nach wie vor ist Osim einer der angesehensten Fußballtrainer Europas. Im Jänner 2009 wurde der frühere Kicker und Verfechter des Offensivfußballs bei der 100-Jahr-Feier des SK Sturm zum „Trainer des Jahrhunderts“ gekürt. Interviews mit Osim sind geradezu eine Rarität. Im Gegensatz zu vielen anderen Trainern braucht Osim das Scheinwerferlicht nicht. Wir durften dennoch ein Exklusiv-Gespräch mit Osim führen.
„der Grazer“: Fast exakt zwei Jahre nach Ihrem Schlaganfall im November 2007 die Frage: Wie geht es Ihnen jetzt?
Ivan Osim: Es geht mir besser, aber die Besserung geht mir nicht schnell genug. Der Schlaganfall war für mich wie ein Bombeneinschlag. Heute habe ich ständig Schmerzen, mal im Knie, dann im Kreuz oder im linken Fuß.
Das klingt ja schlimm ...
Osim: Wenn Sie in Ihrer Zeitung einen Wetterexperten brauchen, ich wäre ideal dafür. Meine Schmerzen sagen mir exakt, wie das Wetter wird.
Gibt es Vorschriften, was Sie tun dürfen und was nicht?
Osim: Auch das war eine völlige Umstellung für mich. Ich muss ganz genau aufpassen, was ich esse, was ich trinke, wie viel ich schlafe. Wenn ich da Fehler mache, werden die Schmerzen noch stärker.
Was machen Sie gerade?
Osim: Ich schaue, wann immer es geht, Fußball – derzeit läuft bei mir das Derby Everton gegen Liverpool (Liverpool siegte mit 2:0, Anm.).
Die Sturm-Fans haben Sie nicht vergessen und manche träumen noch immer von einer Rückkehr.
Osim: Das wird es nie wieder geben. Abgesehen davon, dass ich mich nie aufdränge, sind jetzt die Jungen am Zug. Sturm hat eine gute, junge Mannschaft und geht seinen Weg. Es ist richtig, die eigenen Kräfte zu fördern.
Was halten Sie von Trainer Foda und gibt es aktuelle Kontakte zu Sturm?
Osim: Foda ist ein guter, junger Mann. Er macht das schon richtig. Kontakte gibt es kaum. Ich möchte ja auch nicht dauernd mit Leuten telefonieren und mische mich nicht in aktuelle Themen eines Ex-Vereins von mir ein.
Sind Sie traurig über Horror-Meldungen wie über den aktuellen Wett-Skandal?
Osim: Schauen Sie, im Fußball von heute fließt zu viel Geld. Und wo Geld alles bestimmt, verliert der Fußball sein Herz und seine Seele. Kriminelle tummeln sich in der Fußballwelt und machen viel kaputt. In einer Zeit, wo man alles kaufen kann, Spieler, Vereine, Schiedsrichter, gibt es keine Perspektiven und das große Geld ist für den Fußball absolut gefährlich. Wenn ich jetzt die Liverpooler Mannschaften, die ich gerade im TV sehe, hernehme und an die Gagen denke, frage ich mich, wer soll das bezahlen?
War Geld nicht immer schon ein Problem?
Osim: Schon, aber völlig anders. Damals, im früheren Jugoslawien, versuchten unsere Kicker, besser leben zu können. Später wurde manche reich und wollten mehr haben. Moral war nicht mehr gefragt.
Generell?
Osim: Natürlich nicht generell. Aber bei den Fußballern, die viel zu viel Geld verdienen, sind die Verlockungen einfach zu gefährlich und da verliert der ursprüngliche Fußball Wert und Sinn.
Lösungen?
Osim: Die Zukunft liegt in der Jugend. Wie bei Sturm. Es sollen unbekannte junge Kicker arbeiten, die aus der eigenen Stadt kommen und noch Freude am Spiel haben.
Wie verläuft Ihr Alltag in Sarajewo?
Osim: Ich absolviere meine Therapien, spaziere durch die Stadt meiner Kindheit, komme sogar an Plätze, wo ich noch nie zuvor war. Dann gehe ich in meinen Club, treffe viele Freunde und rede mit den Menschen über Religion, Politik, einfach alles. Auch das ist für mich entspannend. Natürlich bestimmt Fußball nach wie vor mein Leben. Dank SAT-TV kann ich auch sehr viele Spiele sehen. Das gibt Kraft.
|
Sie erreichen den Autor unter: Vojo Radkovic |
|



Veranstaltung hochladen
Alle Events