Wenn tote Hosen laufen lernen.

Wenn tote Hosen laufen lernen.

Meine Lieben,

es gibt Dinge im Leben, die sich grundsätzlich nicht ändern, so zum Beispiel der Fußballverein, die Verwandtschaft oder auch die erste Lieblingsband, die da in meinem Fall die deutsche Punk-Rock Formation „Die Toten Hosen“ ist. Ich kann mich noch erinnern, als ich in relativ jungem Alter bei meinen Großeltern in Vorarlberg im Wohnzimmer saß und mein Vater sich mit einer CD zu mir setzte – die hat er wohl im heutzutage leider nicht mehr bestehenden Bregenzer Musikladen gekauft. In seinen Händen hielt er die Scheibe „Reich und Sexy II“ und er spielte mir den Song „Zehn kleine Jägermeister“ vor. Damals war ich wohl noch zu jung, um den Sinn des Lieds zu verstehen, aber ich fand ihn lustig. Ich wurde älter, der Inhalt des Songs deutlicher, meine Leidenschaft zur Musik immer größer und so auch meine Liebe zu den Hosen.

Im August 2009 war es endlich so weit: Ich habe meine Lieblingsband mit meinem Vater gemeinsam in Deutschland, nahe dem Chiemsee, das erste Mal live gesehen. In meinen Augen war es das beste Konzert auf der Welt und jeglicher Band-Merch war gesichert (Danke, Papa). Nebenbei soll erwähnt werden, dass auch Deichkind und Joe Ramone richtig gute Performances abgeliefert haben. Es blieb auch nicht beim letzten Konzert der Punk-Rock-Formation: Übertroffen haben sich mein Vater und ich wohl, als wir beim Konzert in Graz unseren „GAK-Liverpool-Schal“ auf die Bühne und zugleich über den Mikroständer geworfen haben. Mit den Worten „auf einen Verein werden wir uns heute wohl einigen“ hielt kein anderer als Campino, der Sänger der Hosen, den Schal in die Luft. Während wütende Sturmfans sich um uns scharten, im Blickfeld von Securities, gab mir Campino den Schal zurück. Und am deutschen Festival „Rock im Park“ habe ich 2013 meine Leute, die ein anderes Konzert besuchten, stehen lassen, um mir (leider) alleine ihren Gig anzuschauen und stellt euch vor, sogar das hat Spaß gemacht.

Die Toten Hosen sind also ein fixer Bestandteil meines Lebens – mal mehr, mal weniger, aber keine andere Band hat mich länger durch mein Leben begleitet als die Punk-Rocker. Und so sollte sich der 22. Dezember 2017 als ein sehr wichtiger Tag für mich herausstellen. Ein Tag, an dem Geburtstag und Weihnachten zusammenkommen – so sehr freute ich mich auf den Tag, denn die Hosen ließen sich in der Wiener Stadthalle blicken. In Fan-Foren und -Facebook-Gruppen wurde gemunkelt, dass viele alte Songs gespielt werden, und dass Campinos Alter sich vielleicht an seiner Stimme, aber nicht seiner Bühnen-Aktivität bemerkbar macht – die Gerüchteküche brodelte und somit wurde meine Nervosität oder auch Vorfreude immer größer.

Dreieinhalb Jahre lang habe ich die Hosen nicht mehr gesehen und so stand ich mit Papa nun im Wave und wartete auf meine Lieblingsband. Als Vorband wurden die Hosen von der Rock-Band „Feine Sahne Fischfilet“ begleitet – das hätte es gar nicht besser treffen können. Die Jungs vom Label Audiolith habe ich bereits am Nova Rock Festival 2017 sehen können und wusste, dass ihre Shows erste Sahne (ha, Wortspiel!) sind. Feine Sahne Fischfilet haben den bereits gut gefüllten Wave mit Songs wie „Komplett im Arsch“, „Geschichten aus Jarmen“ und „Mit Dir“ ordentlich eingeheizt. Auch die Vorstellung ihrer neuen Scheibe „Sturm & Dreck“ kam nicht zu kurz. Bier trinken, zu den Songs mitschreien und abgehen hat richtig Spaß gemacht mit euch! 🙂

Eine halbe Stunde später war es endlich so weit: Andi, Breiti, Campino, Kuddel und Vom liefen auf die Bühne – top fit, das macht doch schon mal einen guten Eindruck! Nach dem zweiten Song „Auswärtsspiel“, eine etwas ältere Nummer, war immerhin eines klar: Campinos Stimme blieb der von 2013 ziemlich ähnlich, zumindest gleich gratzig wie bei jedem anderen Live-Konzert. Punk-Ruck muss ja nicht unbedingt schön sein.

Ich war erstaunt, dass Väter ihre Söhne, die zu jung sind, um zu wissen, was Jägermeister ist, in den Wave mitgenommen haben – vor fünf Jahren wäre das noch nicht in Ordnung gegangen. Da mussten Fans vor der Stage noch fürchten, dass sie nicht erdrückt werden. Aber dieses Mal? War das vielleicht ein Zeichen dafür, dass die Hosen ruhiger geworden sind und dadurch auch ihre Fans?

Tatsache ist, dass die Punk-Rocker über die Jahre, nennen wir es, radio-fähig geworden sind. Das widerspricht, wie ich finde, ihrer Philosophie. Ich lese gerade das Buch „Die Toten Hosen – Am Anfang war der Lärm“ von Philipp Oehmke. Durch Prüfungsstress und Arbeit habe ich leider erst ein Drittel des Buches geschafft, aber der Autor berichtet darüber, dass die Gründungsmitglieder aus dem „Aufbaudeutschland“ der Nachkriegszeit kommen, immer anders als der Großteil der Gesellschaft sein wollten und sich von ihr distanziert haben. Das machten sie durch ein provokantes Auftreten, radikaler Songtexte und der lauten Gitarrenmusik deutlich.

Heute bedienen sie das Publikum vor dem sie sich einst distanzierten. Und auf den Schluss komme ich nicht, weil Väter mit ihren Söhnen (Jahrgang 2010 plus) Konzerte besuchen, sondern dadurch, dass ich alleine mit mir Pogo tanzte. Jetzt denkt ihr euch sicher, wie das bei einer Band wie den Hosen passieren kann. Fakt ist, dass mehr als die Hälfte der Besucher den Song „Opel-Gang“ oder „Liebeslied“ (der beste Song überhaupt) nicht kannten, aber bei „Wannsee“, einem neuen, radio-fähigen Lied, alles gegeben haben. Ich habe mich schon fast „deppad“ gefühlt alleine bei den größten Hits mitzusingen…

Diese Wandlung der Hosen machte sich auch in der Wahl der Musikinstrumente bemerkbar: Ein Kammermusik-Ensemble wurde arrangiert, um in manchen Liedern den musikalischen Hauptpart zu übernehmen. Gut, es gibt Nigel Kennedy, den Geigen-Punk und noch andere Freaks mit klassischen Instrumenten, aber nun mal Hand aufs Herz: Seit wann haben Streichinstrumente etwas auf einem Punk-Rock-Konzert verloren, außer wenn sie, sorry, zerstört werden? Eigentlich gar nichts. Sie hatten, so meine Meinung, lediglich die Funktion das „neue“ Publikum zu bedienen. Mozart gefiel ihnen anscheinend. Vielleicht auch, um die eigenen Songs noch „aushalten“ zu können, so etwas soll vorkommen. Für ein Revival Konzert spielten Led Zeppelin ihre Songs z.B. als Reggae ein, haha.

Ich könnte jetzt schreiben, dass die Band eine gute Wahl zwischen alten und neuen Songs gemacht hat, dass 37 Songs eine Glanzleistung für das Alter sind usw. – ihr kennt Konzert-Reviews ja und ich will mich auch gar nicht über die musikalische Leistung der Hosen aufregen. Die Hosen sind eine Band, die mir durch „Steh auf, wenn du am Boden bist“ durch schwere Zeiten helfen, mich durch „Liebeslied“ oder „Liebesspieler“ motivieren und eine Band, die ich gerne in nicht ganz nüchternem Zustand höre („Alkohol ist keine Lösung“). Sie sind meine erste Lieblingsband und ich kann mir keine Playlist ohne einen Song der Hosen vorstellen. Nichtsdestotrotz hat sich alles zusammen für mich so angefühlt, als wäre an diesem Abend ein Teil von mir gestorben – ein Teil, der mich mehr als die Hälfte meines Lebens begleitet hat. Um den Artikel mit Caspers Worten zu beenden: „Am Ende wird alles gut und ist es nicht gut, ist es verdammt nochmal nicht das Ende – NEIN!“ Am Nova Rock 2018 sehe ich Die Toten Hosen wieder – in der Hoffnung, mit meinen alten Punk-Rockern wieder zu feiern. Immerhin werden weniger Jahrgang-2010-plus-Söhne mit ihren Vätern vor Ort sein. 😉

© Clarissa Shannon

 

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